Dutch Habour

Dutch Habour

Sie werden mit deinem Hirn Schlitten fahren

Im Fadenkreuz der Staatsgrenzen von Colorado, Utah, Arizona, New Mexiko liegt das Colorado-Plateau. Das im Schnitt 1500m hohe Plateau hat locker die Größe einer dieserStaaten und ähnelt einer umgedrehten Pfanne. Dort wo Colorado und Green River zusammentreffen, etwas nördlich davon, nahmen die beiden Flüsse die Hochfläche indie Zange. Von zwei Seiten schürften sie einen gewaltigen, dreieckigen Block aus dem roten Sandstein. Es entstand ein Inselberg, man gab ihm dem Namen Island-in-the-Sky. Einst verirrten sich Pferde auf der Mesa und obwohl sie in der Tiefe den Colorado vor Augen hatten, mussten sie jämmerlich verdursten. Seitdem heißt ein Aussichtspunkt zurSeite des Flusses hin Dead- Horse-Point. An diesem Tag hatte man von hier einen unglaublichen Ausblick. Es war das ganz große Erosions-Theater, eine dramatische Aufführung. Canyons, Galerien, Felsnadeln, Bogen, Rippen, soweit das Auge reichte, alles quer gepinselt in rot, rot, rot, die ganze Palette. In der Tiefe blitzte die Sonne im Colorado. Der Fluss bog sich wie ein Schwanenhals und versteckte seinen Hobel brav unter einem grünen Saum. Bodennähe, hellere Schichtbänder schienen die Felswände vom Boden zu lösen, sie zum Schweben zu bringen. Im Osten standen schneeweiße Berge, in messerscharfer Klarheit, wie Wolkenstraßen so weit. Das Blaue gab dem Blick jene Himmelsfreiheit, die einen zu einem schreienden Adler werden lässt.…

Roce stellte den Truck in der Nahe des „Dead-Horse-Point“ ab. Er saugte sich am Aussichtspunkt kurz die Wahnsinns- Kulisse rein, zog den Power-Tex über, nahm Bike und Rucksack von der Lade und fuhr die paar Meter hinüber zur South-Fork des Shafer-Canyons. Hier begann der Trail. Wie aus dem Nichts tauchte der Hufeisen-Abgrund des Talschlusses vor ihm auf. Immer hart am Abgrund, Kehre an Kehre, das Halbrund weit hin und her, schlängelte die rostrote Piste hinunter. Auf den ersten Blick, da runter, „woow!“ Roce schwang sich auf sein Bike, nahm einen tiefen Zug, die kalte Luft zischte hinter seine Rippen, potentielle Energie soweit das Auge reichte! „Na, was ist?“ Etwas ließ in zögern. Er hatte mit einem Mal das Gefühl, woher auch immer, einmal in Fahrt und es würde kein Halten geben, einmal in Fahrt und es würde etwas Endgültiges geschehen, es würde etwas geschehen, was nie mehr rückgängig zu machen wäre, nie mehr! Er bemerkte einen kitzekleinen Anflug von Panik! Eine Stimme sagte: „Dreh um und fahr nach Hause, zu Christine, du wirst sie nie mehr sehen!“ 10 Meilen Abfahrt lagen vor ihm, diese irre Tapete ringsherum, das war doch lächerlich! Ok, einmal unten angekommen, das hatte natürlich auch etwas Endgültiges! Er sah hinunter, wo die Piste wie ein Faden das Canyon hinaus bändelte und weiter draußen auf der endlosen Schichtstufe des Withe-Rim versiegte… da war diese Sogwirkung, dieses Unbändige in der Luft, was sollte es, Bremse los, Pedal nach unten, „yoowwoow- woow“, ging ab wie von der Tischkante! Wie war das nochmal, Beschleunigung=Gewichtskraft mal Sinus Schiefe-Ebene, „woow, woow“, ziemlich krass, die Theorie so in echt!

Er hielt den Focus immer 10–15 Meter voraus, allerdings, es brauchte keine Sekunde dafür, es war verdammt schnell für das Auge, da war nicht mehr alles zu sortieren! Arme gestreckt, Hintern zurück, drauf halten, hilft nix! „Bang, Bong“, Steine! „Booff, Buuff“, Schlaglöcher! Jetzt, „Woow, Woow, Woow“, Schlingertour, Sand, grundlos tief! Es war eine hinterhältige Mixtur und jede Suspension hat ihre Grenzen, egal wie ausgetüftelt sie ist, da kann die dauergebräunte, Gel-gestylte Abenteurer-Attrappe im Bike-Shop erzählen was sie will, dann wird ’s erratisch am Lenker, ganz zu schweigen von den Bocksprüngen! „Halt' sie am Boden, Lenker fest verdammt!“ Roce meinte die Fuhre logischerweise. Ein wenig Self-Coaching konnte nicht schaden, schön professionell bleiben, Testfahrt ist Testfahrt und keine Kaffeefahrt, nur nichts diffusen Gemütszuständen überlassen! …Und wieder Schlingertour im grundlosen Sand, entlasten vorne, nur nicht eingraben, verdammt!“ Dann Felsplatten mit Sandauflage, er huscht darüber wie über spiegelglattes Eis! Wieder schlingern im tiefen Sand! „Woow, woow, woow, halte, halte Mann!“ Und wieder frei! „Ok, lass laufen!“ Schütteln! Bocken, gleich die Kehre! „Außen bleiben, großen Radius, nicht zu früh rein…“ Doch plötzlich, vor ihm, der Himmel wie ein Abgrund, die Kehre... voll in die Eisen! „Vrobbobbobb!“ Hinterrad blockiert! „Bremse lupfen, „drück' die Kiste rein“, volle Schräge ist riskant, reindrücken gibt Reserve, doch, „Shit“, bricht aus! Fuß runter, stützen, Lenker hoch, verdammt, verdammt! Die Haftgrenze ja wo? Arsch-Kontrolle im Eimer, irgendwie lächerlich, wieder gerade, „uuff, lass laufen!“ Der Run zur nächsten Kehre! Voller Speed! „Yiipieee!“ Die Augen röntgen den Mahlstrom! „Bang, Booff, Bong Buuff!“ Die Kehre! Bremm… sen! Mehr Antenne Mann, Arsch- Antenne! Reinlegen, Drücken, und antippen hinten! Die Fuhre kommt quer, „las kommen, yoow!“ Sliden-Stützen- Gegenlenken! „Yoow!“ Steine fliegen, eine Staubfahne zirkelt einen 180 Grad-Bogen in den wunderschönen Ansichtskarten-Morgen! Kontrollierter Drift, der Widerspruch an sich! Das ist so, wie sich gleich zu besaufen, um erst gar nicht in Versuchung zu kommen! Wieder voll Karacho! „Bang, Booff, Bong Buuff! Bull- Riding!“ Die nächste Kehre, von allem etwas mehr, Speed vor allem! Dem Bullen die Eier kitzeln, „yoow!“ Bremsen-Driften-Stützen-Gegenlenken! Die Fuhre rasierte wie ein Klappmesse durch die Kehre, dann, „Mannooh“, Sand, weich, tief, grundlos, Aus! „Booaaf!“ Keine Chance! Der Sattel verpasste ihm einen Aufwärts-Cross wie mit dem Zuschlaghammer! Er sah dieses satte Ultramarin über sich, den Bruchteil einer Sekunde nur, dieses satte Rostrot unter sich, Aluminium blitzte in der Sonne, er semmelte abstrus auf den Boden, hart am Abgrund, „Aua, Shit“, das Bike schlug in Augenhöhe ein, roter Staub wirbelte auf, weicher Sand… Gottseidank!

Roce saß am Rand der Piste, das Bike lag wie ein erlegtes Tier hinter ihm. Er griff in den Sand und schleuderte eine rote Wolke in die Gegend. Er sackte zurück und starrte in den Himmel. „Mein Hinterteil soll fühlen was der Reifen taugt? Mein Gott, ist das die Richtung wo alles hingeht, Arsch kontrolliert Verstand?" Nein, irgendetwas war anders, an diesem sonderbaren Morgen. Es fehlte ihm nicht nur an der nötigen Konzentration, irgendwie war ihm, als wäre er, weiß der Geier, nicht ganz da, nur zur Hälfte, oder nur mit seinem Äußeren, ach ja, das Bike, der Reifen? Na ja, ein seitlicher Stollenkranz könnte nicht schaden, brächte Stabilität bei Schräglage. Aber im grundlosen Sand, ein Ballonreifen? Witzbold, ist doch schon! Unten, auf dem White-Rim-Drive, konnte das Profil ok sein, mal sehen! Lieber Himmel was für eine Diagnose, ihm fehlte einfach der „Draht“ dafür heute! Er fühlte wieder diese Enge in der Kehle, diese Art Verlustschmerz. Was hatte er hier schon verloren, alleine, wie verlassen von sich selbst? Aber das Canyons-Land war doch für ihn gleich: Sonne, Sandstein, Abenteuer! Warum nicht heute? Das hatte das Canyons- Land überhaupt nicht verdient! War das der Verlust? Ja, ja, es war ein Verlust irgendwie, aber es war nicht der um den es wirklich ging! Da war noch dieses Andere, das immer noch lebendig war, diese Hintergrundstrahlung, das Wochenende mit Christine, mit jeder Umdrehung der Räder, hier im Canyons-Land, würde diese Hintergrundstrahlung verblassen, ihre Wärme verlieren und das Eine konnte das Andere nicht wirklich ersetzten, das war der Verlust, eine einfache Rechnung! Er sah hinauf zum Saphir-Blau des Wüstenhimmels. „Was meinst du dazu?“ Der Himmel zeigte sich kristallklar. Roce setzte sich auf, stütze nachdenklich den Kopf mit den Händen, er murmelte vor sich hin: „Kristallklar also!“ Was sollte der Himmel schon anders antworten? Er sah in die Runde. Tatsächlich hatte dieser Ort eine Überdosisan Klarheit. Jede Rippe, jeder Pfeiler, jede kleinste Struktur der Felswande schien ultra-hoch aufgelöst, kristallklar, bis weit hinaus zur Mesa und den Bergen mit dem Schnee. Das war erhaben, ätherisch, auf eine gewisse Weise, ätherisch wie diese Hintergrundstrahlung. Ja, sie waren identisch, diese Transparenz hier und diese Liebes-Wochenende Hintergrundstrahlung, glaubte er. Eine tröstliche Symbiose, eine Stimmungs-Zweisamkeit gegen diese Weltschmerz- Einsamkeit! Roce sackte zurück, er schloss die Augen, die Anspannung wich, alles-ist-gut! Wärme durchflutet ihn, die Zeit schien müde zu werden, alles wurde langsam… dann, aus weg, Blende zu… Die Felswände der South-Fork erschienen vor ihm. Kristallklar! Mächtige, hohe Wände wie aus purem Kristall! Dahinter erschienen andere Felswände, mächtige hohe Wände wie aus purem Kristall! Dahinter erschienen wieder andere, dahinter wieder andere, labyrinthisch, ein Labyrinth wie aus purem Kristall, dahinter strahlend, unerreichbar, ein Gesicht, ein Engelsgesicht, ein Lächeln so klar, so, so… „C H R I S T I N E!“ Wie vom Schlag gerührt fuhr er hoch. Etwas hallte wieder, ein Echo, im Halbrund, „Christi… ine, Christi… ine, Christi… ine!“ „Oh mein Gott!“ Er sah sich um, keine Menschenseele weit und breit, es war ein Sekundenschlaf, er hatte ihren Namen geschrien, raus geschrien! „Wohl verrückt geworden, hier herum zu plärren? Los, los Mann, 100 Meilen warten!“ Er rappelte sich hoch, schnappte sein Rad. „Alles in Ordnung an der Fuhre, Rucksack, Gepäck? Ja, ja, ok!“ Er sah noch einmal in die Runde, seltsam, ihn fror, der Sekundenschlaf bestimmt! Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, was, verdammt, war nur los an diesem Tag? Er fuhr los, 'ging wieder ab wie nasse Seife, „Bang, Booff! Bang, Booff!“ Immerhin wusste die South-Fork nun über seinen Seelenzustand Bescheid und ein Reifen ist auch nur ein Reifen, „Bong, Buuff! Bong, Buuff!“

Peter Tempel

67098 Bad Dürkheim


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