Wilde Side

Wilde Side

Was wird sein, mit der Erde und dem Himmel, dort wo die Regenbogen standen?

 

Roce öffnete die Tür zum großen Raum, der Wohn-Esszimmer und Küche zugleich war. Es lag ein unwiderstehliche Brutzel-Geruch in der Luft. Der Bernhardiner drängelte ungehalten, er schob Roce förmlich in die Stube. Warmes Licht erhellte den Raum in der Mitte, wo am massiven, runden Tisch seine Eltern und Mike saßen. Das Feuer, des gemauerten Grillofens, mit der großen Abzugshaube, warf flackernde Schatten an die Wände aus Stamm-Holz. Man begrüßte sich. „Chipsy" sorgte für Luftbewegung mit der Schwanzflosse. Nachdem die ersten Neuigkeiten ausgetauscht waren, servierte Eva eine große Platte. „Das Beste was der Silverwood-Lake zu bieten hat," versicherte sie lakonisch. Sie schob die dampfenden Köstlichkeiten mitten auf den Tisch, ins rechte Licht. Da lagen teuflisch geröstete Spare-Ribs und eine etwas mickrige Regenbogen-Forelle. Rundherum krustige Kartoffeln und Stangenbohnen. Der Hund, der seine faltige Riesenschnauze auf den Tisch gelegt hatte, sah wie hypnotisiert auf den Haufen Spare-Ribs. Er war zum Schluss an der Reihe, das wusste er! Er gab wundersame Fiep-Laute von sich, sie waren geradezu unanständig Anbetracht seiner Körpergröße. Scotty ermahnte das Vieh, das reichte, der Bernhardiner schloss die Augen, ließ sich auf die Seite plumpsen und simulierte Ohnmacht. „Na, dann mal los", meinte Scotty nachdem er jedem Wein eingeschenkt hatte. Die Brüder ließen sich das nicht zweimal sagen und machten sich über die Platte her. Mike sagte, er würde den Knochenfisch nehmen, er nahm sich ein teuflisch geröstetes Spare-Rib. Roce sagte, Schweinefleisch würde ernährungsphysiologisch bei weitem unterschätzt, er nahm sich auch ein Spare-Rib. Scotty meinte im „Fisher- mans“ hätten sie nur noch Importware dritter Wahl, da würde kein Fisch im Silverwood-Lake drauf reinfallen, er nahm sich auch ein Spare-Rib. Eva nahm den Fisch. „Es gibt Köder von schlechter Qualität?“ „Ja, die gibt es!“ „Wurm ist doch Wurm, oder?“ „Nein, früher gab es im „Fishermans“ die „California-Gigants“, da war der Kescher immer voll! Heute kommen sie aus Mexiko, Fernost, oder weiß der Teufel wo her!“ „Und da beißt kein kalifornischer Fisch an?“ „Nein das tun sie nicht!“ „Du machst Witze!“„Fische haben feine Nasen, die riechen den Schwindel, die ganze Kloake!“ Scotty monierte, dass man den Verdacht hätte, dass, nachdem die Fisch-Industrie die „Fishermans“-Kett übernommen hätte, die „California-Gigants“ aus den Regalen verschwunden wären, nur um die frustrierten Angler wieder vermehrt an die Fischtheken zu bekommen, so einfach wäre das! Natürlich wären die „Happy-Dicks“ aus Mexiko um mehr als die Hälfte billiger. Eva meinte: „Eine weitere Verschwörungstheorie!“ Scotty darauf, nein, es ginge um diese gewisse Manipulation, die dahinterstecken würde. Man suggeriere den Leuten ein gutes Geschäft gemacht zu haben, dabei hätten sie den größten Mist eingekauft. Spätestens an der Fischtheke würden sie dann einen Arschtritt abbekommen, der sie zu wahrhaftigen Idioten stempeln würde, ohne dass sie einen blassen Schimmer davon hätten. Eva meinte, er würde übertreiben! Scotty sagte, er rede hier nur von einer Manipulation im kleinen Stil, aber es gäbe auch die anderen, die im großen Stil, die im ganz großen Stil, die ganz großen Sauereien und nicht so knapp, die hätten die Leute zu Hornochsen gemacht! Eva wollte das nicht vertiefen, sie wandte sich an ihre Söhne und fragte wie ihre Woche gewesen wäre. Mike berichtete von der Schule, Roce von seiner Arbeit und das er nächste Woche zum Canyons-Land rüber könne. Es kam zur Sprache, dass die Brüder am Wochenende zum Bear-Creek wollten um am Arrow-Head zu klettern. „Bear- Creek, Arrow-Head“, sinnierte Scotty, „wunderbare Touren dort… den ganzen Tag Sonne!“ Es war eine gewisse raue Sehnsucht heraus zu hören, am Arrow-Head, in der Sonne klettern zu können. „Am Wochenende ist der Lake- Eleanore dran, das hast du mir schon lange versprochen", fauchte Eva, offenbar war bei Scotty diesbezüglich schon einiges klammheimlich abhanden gekommen. „Kennt ihr diese Tour am Arrow-Head, die, eehh...!“ „Scott, deine Ohren, dein Gedächtnis, war doch noch alles intakt, bisher!“ „Ja, ja”, grummelte Scotty, „was hat das damit zu tun?“ Mike kam ihm zum Hilfe: „Du meinst die „Wild-Side”, der Psycho-Schleicher?“ „Was heißt Psycho-Schleicher?“ Scott schien das übertrieben, er meinte, die „Wild-Side” wäre soundso aus der Mode. Die Kids heutzutage bekämen schon das Schlottern wenn der letzte Haken unter Kniehöhe verschwände, sie würden die erste Seillänge der Tour klettern, dann zur Seite hin ausbüxen und die eigentliche „Wild-Side” links liegen lassen, falls sich überhaupt noch jemand dahin verirren würde. Die zweite Seillänge dieser Kletter-Route, die etwas abseits am Sockel-Massivs des Arrow-Head lag, war eine kompakte, nicht mal besonders steile Platten-wand. Der Erstbegeher war bekifft, esoterisch aufgerüstet, oder was ihn auch immer dazu bewog, er kletterte ohne einen einzigen Haken zu schlagen die 30 Meter hinauf. Er nannte die Tour: „Walk on the Wild Side“. Die Technik war, einfach gesagt, man musste die griff-lose Felsplatte schneller hinauf steigen als man abrutschen konnte. Ge- schmeidige Bewegungen, keine Hektik, waren die halbe Miete. Etwas für Kaltblütler. Und die bringen es glatt fertig, bei schönem Wetter, mit kurzer Hose und sonst nichts, die Tour unter die Sohlen zu nehmen, sie riskieren buchstäblich ihre Haut. Ihr Vater hatte recht, diese Art Kletterei war nicht mehr aktuell. Heutzutage bevorzugte man schwierige, steile Wand-Klettereien, mit passabler Absicherung und der Chance zu Überleben. „Die Tour hat etwas Mythisches“, sagte Scotty. Er sah in verständnislose Augen, versonnen fabulierte er weiter: „Du kommst dahin, weißt genau, heute nicht! Du kommst wieder dahin, und wieder, nein, heute nicht! Und wieder, und wieder! Dann stehst du davor, irgendwann, es ist ein wunderbarer Tag, alles folgt einer unerklärlichen Logik, du steigst hinauf, spürst die Sonne auf der Haut, unter der Sohle jeden einzelnen Quarz- Kristall, jede Bewegung federleicht, du steigst aus, du lachst, seltsam abwesend, weil du glaubst, die Bahnstörung des Jupiter gespürt zu haben!“ Scotty kippte den Rest im Glas hinunter. „Ja, so ist das mit der „Wild-Side“!“ „Die Tour hat nicht einen Haken?“ „Nein, hat sie nicht!“ „Du hast sie geklettert?“ „Ja, hab' ich, lange her!“ Eva mokierte: „Ja, ja, und wie viele dieser Traumtänzer, mitsamt dieser sonderbaren Logik sind da schon heruntergefallen? Scott sagte teilnahmslos: 'War ein Spaziergang!“ „Ja, ja, gefährlich alleine ist ja nicht genug, eine Prise Kamakazie muss schon dabei sein!“ Eva hielt vehement dagegen, dass es dafür eine Art metaphysischen Persilschein geben könnte. Es war die Sorge der Mutter um ihre Söhne. Die beiden wussten darum. Aber Scotty war ein Dickschädel und der zynische Vertreter einer omnipräsenten Gefährdung. Es könne einen jederzeit aus heiterem Himmel tre:ffen: Ein Meteorit durch die Hausdecke, ein Brocken Weltraumschrott auf die Motorhaube, eine halbe Tonne gefrorene Pisse, von einem Airliner, direkt in den Vorgarten, das hätte es alles schon gegeben, relativierte er einmal die individuelle Risikodisposition. Wer derartige Quellen anzapft, für den ist „Normal“ nicht wirklich eine Größe. Eva sagte hinterher, sie fände es mitnichten großartig irgendwo dämlich herunterzustürzen! Scotty brummte: „Ja, ja, Himmelherrgott, fliegt ja schon keiner runter!“

Peter Tempel

67098 Bad Dürkheim


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